Mit dem Vorhaben, die integrierte Gesamtschule zu einer alle anderen Schulformen ersetzenden Schule zu machen, werde an die Stelle einer differenzierten Vielfalt eine schulische Monokultur gesetzt, kritisierte der Vorsitzende der Lehrerorganisation, Horst Audritz. Monokulturen aber seien nicht nur in der Landwirtschaft, sondern auch für die Bildungslandschaft eine denkbar schlechte Lösung. Sie verringern nachweislich die Leistungsfähigkeit des Schulwesens und entmündigen die Eltern, indem ihnen die Freiheit der Schulwahl für ihr Kind genommen wird.
Die angebliche „Bestandsgarantie“ für Gymnasien, die eine Erreichbarkeit dieser Schulform „in zumutbarer Entfernung“ ermöglichen solle, erweise sich bei Lichte besehen als übles Täuschungsmanöver, betonte Audritz. Als „zumutbar“ werde nämlich ein einfacher Schulweg von 75 Minuten angesehen. Dies bedeute einschließlich Wartezeiten auf Verkehrsmittel eine tägliche Fahrzeitbelastung von etwa drei Stunden – und das für Schüler ab zehn Jahren. Angesichts dieser Fakten von einer Bestandsgarantie für die Gymnasien und von „Gleichberechtigung“ zu sprechen, sei der blanke Hohn, empörte sich Audritz. So musste Kultusministerin Heiligenstadt in der aktuellen Landtagsdebatte auf Nachfragen zugeben, dass es in Zukunft möglich sei, dass es in einer kreisfreien Stadt und sogar innerhalb eines Landkreises kein einziges Gymnasium mehr geben werde.
Zusätzlich solle es zu Lasten der Eltern Einschränkungen bei der Schülerbeförderung geben. So sehe der Gesetzentwurf vor, dass die Schulträger Fahrten zu Schulen mit einem spezifischen Bildungsgang nicht mehr bezahlen müssten. Eltern, die für ihr Kind einen spezifischen Bildungsgang wie etwa ein altsprachliches Gymnasium oder einen Musikzweig wählen wollten, müssten daher die zusätzlichen Kosten für diese Fahrten zukünftig selbst tragen. Dies könnten sich aber nicht alle Eltern leisten.
Dass der Gesetzentwurf zudem vorsehe, auch die beiden Förderschulen Lernen und Sprache für Schüler mit besonderen Schwierigkeiten in diesen Bereichen abzuschaffen und zu schließen, sei ein besonders krasses Beispiel für eine Re-Ideologisierung und für eine Politik an den Belangen der betroffenen Schülerinnen und Schüler vorbei. Bezeichnend sei, wie die Landtagsmehrheit von SPD und Grünen mit den von über 70.000 Unterschriften gestützten Petitionen für den Erhalt der Förderschulen, die nach Ansicht vieler betroffener Eltern die bestmögliche
Förderung für ihre Kinder garantieren, heute umgegangen sei. Statt sich ernsthaft mit diesen von den Eltern eingereichten Petitionen zu befassen, seien sie im Kultusausschuss und in der heutigen Landtagssitzung im Schnellverfahren als „Material“ abheftet worden und damit praktisch im Papierkorb gelandet. Mit solcher Arroganz schaffe man Politikverdrossenheit und Wut bei vielen Bürgern, so Audritz.
„Es gehört nicht viel Phantasie dazu, einen jahrelangen Schulkampf für Niedersachsen vorherzusagen, wenn das Schulgesetz in seiner jetzigen Form von der rot-grünen Einstimmenmehrheit im Landtag verabschiedet wird“, betonte Audritz. Denn Lehrer, Eltern, Schüler und erhebliche Teile der Bevölkerung werden sich nicht gefallen lassen, dass man aus rein ideologischen Gründen leistungsfähige und von Eltern gewünschte Schulen vor Ort in großer Zahl schließt.
Noch hätten die Abgeordneten von SPD und Grünen die Chance, einen Schulkrieg zu vermeiden. Dazu müssten sie auf eine Zurückdrängung und Beseitigung leistungsstarker und beliebter Schulformen verzichten und das Recht der Eltern auf freie Schulwahl anerkennen und stärken, so der Appell von Audritz. Jeder einzelne Abgeordnete werde in seinem Wahlkreis den Wählern Rechenschaft über seine Entscheidung ablegen und die Verantwortung für sein Votum im Landtag übernehmen müssen.
Hannover, 18.12.2014