Home AktuellesRabbow: „Endlich den großen Schritt in der Bildungspolitik wagen!“

Rabbow: „Endlich den großen Schritt in der Bildungspolitik wagen!“

by hermelingmeier

Philologentag 2025 – Wir motivieren Menschen

Dreizehn Resolutionen ebnen den Weg für die „Agenda 2035 des PHVN“

Der Philologenverband Niedersachsen hat im Rahmen seines Philologentages 2025 in Bremerhaven mit seinen über 300 Delegierten aus den niedersächsischen Gymnasien, Gesamtschulen, Oberschulen und Studienseminaren seine Forderungen an die Politik erneuert, gemäß dem diesjährigen Motto „Wir motivieren Menschen“ endlich die notwendigen bildungspolitischen und berufspolitischen Reformen anzugehen.

Verbandsvorsitzender, Dr. Christoph Rabbow, appellierte in seiner Rede an Kultusministerin Hamburg: „IQB-Bildungstrend, Abiturnoten, Tablets für alle, Unterrichtsversorgung, Inklusion, Teilhabe das sind Themen über die wir reden müssen. Die Erkenntnis, dass das schlechte Abschneiden bei nahezu allen Bildungstests einer jahrzehntelangen verfehlten, ideologisch geführten Bildungspolitik geschuldet sein könnte, fehlt bis heute. Der Lehrkräftemangel besonders in den MINT-Fächern ist das Kernproblem. Das muss man nicht nur zur Kenntnis nehmen, das muss man in Angriff nehmen. Wenn Unterricht nur unzureichend oder fachfremd erteilt werden kann und in der Folge die Bildungsstandards gesenkt werden, hat das einen gravierenden Leistungsabfall zur Folge. Im Land fahren Sie, Frau Ministerin Hamburg, das Prinzip der 1000 kleinen Schritte. Das wird nicht reichen, um den zukünftigen Bedarf überhaupt einigermaßen zu decken. Man muss endlich den großen Schritt in der Bildungspolitik wagen. Wozu gibt es eine Konferenz der Bildungsministerinnen und -minister, wenn dazu der Mut fehlt? Dann ist die Konferenz nicht mehr als ein zahnloser Tiger.“

Einen Schwerpunkt setzte Rabbow bei Leistungsgedanken und Teilhabe: „Unser Bildungssystem darf nicht zu einer leistungsfeindlichen Komfortzone oder zur Spielwiese ideologischer Vorstellungen verkommen. Es ist endlich an der Zeit, ideologische Irrwege zu verlassen und Schulen zu Orten zu machen, in den Kinder wachsen können, gleichermaßen gefördert wie gefordert werden und angemessenes Feedback erhalten. Man darf weder die Besten in ihrer Entfaltung behindern noch die Schwächeren mit ihren Problemen allein lassen. Das Gleichgewicht des Forderns und Förderns führt zu Chancen- und zu Bildungsgerechtigkeit. Wir brauchen Bildungsidealismus statt Bildungsideologien, nur damit motiviert man Menschen.“

Die in Niedersachsen geplante flächendeckende Ausstattung der Schulen mit Tablets kritisierte Rabbow deutlich: „Das Land nimmt in den nächsten fünf Jahren 800 Millionen Euro in die Hand, um Klassen mit digitalen Endgeräten auszustatten. Das ist wirklich eine Menge Geld, dessen Nutzen für Schule wir heute überhaupt nicht abschätzen können. Mit 800 Millionen Euro kann man im Bildungsbereich viel Positives bewirken. Schule braucht mehr als Tablets, damit sie gelingt: Angefangen bei funktionierenden Toiletten, winddichtschließenden Fenstern, gut bestückten naturwissenschaftliche Sammlungen, bis hin zur personalen Ausstattung in Form von Schulsozialarbeitern und -psychologen sowie Schul- und Verwaltungsassistenten. Da ließe sich mit 800 Millionen Euro viel anfangen.“ Er forderte eine Überprüfung der Investitionen nach zwei Jahren, sollte festgestellt werden, dass die digitale Ausstattung keinen bildungspolitischen Mehrwert bringt.

Der Philologenverband Niedersachsen positionierte sich ganz klar zum Thema Beamtenstatus. „Lehrkräfte müssen ohne Wenn und Aber Beamte sein! Sollten Lehrkräfte nicht mehr verbeamtet werden, dann wäre der Staat auf kurz oder lang nicht nur handlungs- sondern auch zahlungsunfähig. Bei einem noch lange anhaltenden Lehrkräftemangel ist das Gerede unverantwortlich. Wir brauchen in allen Bereichen des öffentlichen Dienstes kluge Köpfe, denn es geht nicht nur um die Erfüllung eines Jobs, es geht um Leidenschaft, Berufung und Motivation. Der Staat kann einpacken, wenn junge Leute ihm nicht mehr dienen wollen.  Solange es eine Schulpflicht in Deutschland gibt, hat der Staat für eine ausreichende Anzahl an Lehrkräften Sorge zu tragen. Wer den Beamtenstatus in Frage stellt, verstärkt den Lehrkräftemangel. Die vorsätzlich vom Zaun gebrochene Diskussion ist grob fahrlässig und ich erwarte ein klares Bekenntnis der Politik zum Beamtenstatus in Niedersachsen“, stellte Rabbow in seiner Rede klar.

Auch in diesem Jahr begrüßte der Philologenverband Kultusministerin Julia Willie Hamburg in Bremerhaven. In ihrem Gastbeitrag betone sie, dass die Ergebnisse des IQB-Bildungstrends auch aus ihrer Sicht inakzeptabel seien: „Wir brauchen eine Debatte über Leistungsbereitschaft in der gesellschaftlichen Breite. Auch die Elternhäuser sind hier in der Pflicht, ohne eine gemeinsame Anstrengung geht es nicht“, so Julia Willie Hamburg. Hierzu gehöre aber ebenso politische Anstrengung, wie dem Lehrkräftemangel und  geringer Unterrichtsversorgung mit 1350 neuen Stellen im neuen Haushalt zu begegnen.

Die erfolgreiche Arbeit des PHVN als Impulsgeber hob sie beim Thema Gewaltprävention hervor. Die vorgelegte Umfrage zur Gewalt gegen Lehrkräfte aus 2024 hat die Erneuerung des Erlasses vorangetrieben. „Wir legen einen neuen Erlass vor, der mit einem konkreten Interventionsleitfaden die Handlungssicherheit der Schulen und Lehrkräfte stärken wird“, versicherte die Ministerin. Damit wird ein zentraler Punkt des PHVN-Forderungskataloges umgesetzt.

Ein klares Bekenntnis zu Beamtenstatus für Lehrkräfte gab Julia Willie Hamburg den Delegierten ebenfalls mit auf den Weg: „In Niedersachsen gibt es keine Bestrebungen den Beamtenstatus in Frage zu stellen. Ein Lehrkräftebashing ist unredlich angesichts der Leistungen die jeden Tag in unseren Schulen erbracht werden. Und ich kann Ihnen auch in diesem Jahr versprechen, dass wir die Tarifergebnisse der Länder auf Beamte übertragen.“ Diese Zusagen stießen auf große Zustimmung des Philologentages.

Als Festredner sprach Prof. Dr. Marcus Eckert von der APPOLON Hochschule für Gesundheitswirtschaft in Bremen zum Thema „Motivation ist ansteckend: Wie in Schulen Aufwärtsspiralen für Motivation initiiert und gefördert werden können“. Er beschrieb, dass das Mindset der Lehrkräfte sich unmittelbar auf die Motivation von Schülerinnen und Schülern auswirke. „Leben und Lernen beginnt am Ende der Komfortzone. Wenn auch die Lehrkräfte mit den Schülerinnen und Schülern ihre Komfortzonen ab und an verlassen, vielleicht scheitern und dann weitermachen, hat das einen direkten Effekt auf die Motivation und Leistung“, so Eckert.

Die zweitägige Arbeitstagung wird in ihrem weiteren Verlauf über dreizehn Resolutionen beraten, die den Weg für die „Agenda 2035 des PHVN“ ebnen. Dabei werden einerseits die bestehenden Beschlusslagen des Verbandes erneuert sowie andererseits aktuelle bildungspolitische Themen hinzugefügt. Das Gesamtwerk soll dann im Frühjahr 2026 vorgelegt werden.

Bremerhaven, 26.11.2025

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