Keine Trendumkehr in Sicht
Der Vorsitzende des Philologenverbandes Niedersachsen, Dr. Christoph Rabbow, kommentiert die am 8.9.2026 veröffentlichten Ergebnisse zur PISA-Studie wie folgt:
„Die vorliegenden Ergebnisse zeigen, dass eine Trendumkehr beim Kompetenzverlust von Schülerinnen und Schülern der 9. Klassen bisher nicht gelungen ist. Vergleicht man die Werte mit denen von vor 13 Jahren, so stellt man fest, dass Jugendliche in Mathematik fast zweieinhalb Jahre, im Lesen mehr als zwei Jahre und in den Naturwissenschaften fast zwei Unterrichtsjahre hinter den Schülerinnen und Schülern aus dem Jahr 2012 stehen. Die heute 15-Jährigen sind in der PISA-Metrik auf dem Stand der 13-Jährigen von vor 13 Jahren. Auch wenn die Leistungen der getesteten Jugendlichen in allen OECD-Ländern gesunken sind, stellen die Daten, die die PISA-Studie 2025 für Deutschland ausweist, der deutschen Bildungspolitik doch ein Armutszeugnis aus.
Natürlich waren die letzten 13 Jahre von Kriegen, Krisen und der Corona-Pandemie geprägt. Dies hat Auswirkungen und dennoch sind die gestern veröffentlichten Ergebnisse ernüchternd, denn nie zuvor waren 15-jährige Schülerinnen und Schüler in basalen Fertigkeiten schlechter als 2025. Einem Drittel der Schülerinnen und Schüler fehlen grundlegende Anforderungen beim Lesen und Rechnen. In den Naturwissenschaften weist jeder vierte Schüler erhebliche Defizite auf. Diese Ergebnisse sind mit der IQB-Bildungsstudie aus dem Jahr 2024 kompatibel, in der Niedersachsen bundesweit nur auf Platz 14 lag.
Wenn jetzt allerorts behauptet wird, wir hätten kein Erkenntnis- sondern ein Umsetzungsproblem, dann reiht sich diese Aussage in eine grundsätzliche Problematik der Republik ein. Deutschland verliert jährlich mehr als 100.000 Industriearbeitsplätze, weil die Standortbedingungen nicht so sind, wie andernorts. Da macht auch Volkswagen keine Ausnahme. Wenn es uns aber nicht mehr gelingt, unsere einzige Ressource „Bildung“ zu erschließen, ist der wirtschaftliche Abstieg vorprogrammiert. War die PISA-Studie vor 25 Jahren ein Schock, so ist es in diesem Jahr wirklich der allerletzte Warnschuss an bildungspolitisch Verantwortliche in Land und Bund.
Berücksichtigt man, welche Aufgaben in den letzten 13 Jahren auf Lehrkräfte in den Schulen hinzugekommen sind, ist es überhaupt nicht verwunderlich, dass das Kerngeschäft des Unterrichtens darunter leidet. Die Schülerinnen und Schüler sind die Leidtragenden einer Verordnungs- und Regulierungsflut. Lehrkräfte müssen von allen Aufgaben, die nichts mit Unterricht zu tun haben, befreit werden. Dokumentations- und Verwaltungstätigkeiten müssen von Verwaltungsassistenten erledigt werden. Die Kerncurricula müssen sich wieder stärker an Inhalten und weniger an Prozessen orientieren. Es geht es darum, was und warum gelernt wird und nicht darum, ob man durch irgendeine hübsche Methodik Schülerinnen und Schüler „mitnimmt“. Nur wer inhaltlich gut aufgestellt ist, kann sich in einer immer komplexer werdenden Welt zurechtfinden.
Es wird dringend Zeit für eine Rückbesinnung auf das Wesentliche. Dazu brauchen wir vor allem fachlich versierte, nach Schulformen ausgebildete Lehrkräfte und keine bunte Fächermischung, wie Nawi oder Geselle, die vermeintlich jeder und jede unterrichten kann. Andernfalls werden wir die attestierten Kompetenzverluste nicht ausgleichen können. Wer jetzt eine Stufenlehrerausbildung oder Niveauabsenkung fordert, hat die Zeichen der Zeit wirklich nicht erkannt und ist auch nicht ernsthaft an einer Trendumkehr interessiert.“
Hannover, 9. September 2026