- 79 Prozent der Lehrkräfte sehen eine Verschlechterung der Arbeitsbedingungen in den letzten fünf Jahren
- 88 Prozent geben an, dass Politik und Schulverwaltung ihre Belastungen nicht wahrnehmen
- Ein Drittel der Lehrkräfte war aufgrund schulisch bedingter Überlastung bereits krankgeschrieben
- Nahezu ein Drittel der Teilzeitkräfte arbeitet aufgrund der Belastung in Teilzeit
Fortschreitender Lehrkräftemangel, massiver Unterrichtsausfall und Gefährdungsanzeigen im Abiturzeitraum waren die bestimmenden Schlagzeilen der vergangenen Monate, wenn es um die Bildungspolitik in Niedersachsen ging. Immer weniger Lehrkräfte stehen immer mehr Schülerinnen und Schülern gegenüber, wie auch die aktuellen Zahlen des Kultusministeriums zum Schuljahresbeginn 2025/2026 bestätigen. Der Philologenverband Niedersachsen hat dies zum Anlass genommen erneut seine Mitglieder an Gymnasien und Gesamtschulen zum Thema Arbeitsbelastung zu befragen.
1679 Lehrkräfte haben teilgenommen und ihre Belastungen sowie mögliche Maßnahmen zur Verbesserung benannt. „Unsere Befragung hat gezeigt, dass die Arbeitsbelastung an den Schulen deutlich zugenommen hat und mehr als Dreiviertel bestätigen, dass sich ihre Arbeitsbedingungen in den letzten fünf Jahren verschlechtert haben. Das sind alarmierende Fakten“, erklärt der Vorsitzende des Verbandes, Dr. Christoph Rabbow. „Besonders bedenklich ist, dass sich unsere Lehrkräfte von Politik und Schulverwaltung nicht wahrgenommen fühlen und zu großen Teilen gesundheitliche Auswirkungen durch ihre Arbeit hinnehmen müssen. Dies ist ein Zustand, den wir so nicht hinnehmen können. Es muss Schluss sein mit der Selbstbeweihräucherung der Landesregierung, was bereits geschafft worden sei. Es muss Schluss sein mit dem Denken in Legislaturperioden und der Konzeptlosigkeit in der Bildungspolitik“, fordert Rabbow.
Die erhobenen Zahlen zur Arbeitsbelastung verdeutlichen, dass mehr als 80 Prozent der Lehrkräfte gesundheitliche Auswirkungen wie Schlafstörungen und Gereiztheit und 30 Prozent sogar an chronischem Stress und stressbedingten Erkrankungen leiden. Fast ein Drittel der Befragten war zudem bereits aufgrund schulisch bedingter Überlastung krankgeschrieben. Ebenfalls nahezu ein Drittel der Teilzeitkräfte gibt an, die Arbeitszeit aufgrund von Belastung reduziert zu haben.
Schwerpunktmäßig erfragt wurde ebenso, ob es besonders belastende Zeiträume gebe und welche Maßnahmen zur Verbesserung der Situation hilfreich wären. Deutlich herauskristallisierten sich die Belastungsspitzen von Ostern bis Pfingsten (73 Prozent) sowie nach den Herbstferien bis Weihnachten (55 Prozent). Diese beiden Zeiträume decken einerseits die Abiturvorklausurenphase sowie die Zeit des Abiturs selbst ab. Konkret als zu kurz, belastend bis hin zu unzumutbar benannten die Befragten die engen Fristen in der Korrekturphase des Abiturs (zusammen über 60 Prozent). Kritisiert werden dabei die besonders belastenden Begleitumstände wie weitere Korrekturen, gleichzeitige Unterrichtsverpflichtungen sowie Konferenzen/Besprechungen.
„Es bestätigt sich, dass unsere Kolleginnen und Kollegen insbesondere in der Zeit der Abiturvorklausuren und des Abiturs eheblichen Belastungen ausgesetzt sind. Die Folgerung der Kultusministerin, dass es sich bei den Gefährdungsanzeigen der letzten Monate, die in der Abiturphase eingingen, um Einzelfälle handele, können vor dem Hintergrund unserer Ergebnisse neu eingeordnet werden. Fast 60 Prozent geben an, dass sie durch die Abgabe einer offiziellen Gefährdungs- oder Überlastungsanzeige Nachteile wie Einträge in die Personalakte oder schlechtes schulisches Standing befürchten und sich dieses auf Beförderungen ungünstig auswirken kann. Diese Zahlen zeigen, dass unsere Lehrkräfte aus Angst vor negativen Konsequenzen offenbar große Bedenken haben, ihre Arbeitsbelastung öffentlich zu machen. Ein bedenklicher Befund“, stellt Rabbow fest.
Bei der Frage nach konkreten Entlastungsmaßnahmen gaben fast 80 Prozent kleinere Kurs- und Klassengrößen als Mittel der Wahl an. Auf Platz zwei der entlastenden Maßnahmen wurde die Reduktion von Verwaltungsaufgaben (64 Prozent) benannt und auf Platz drei eine Entlastung für den Einsatz in der Oberstufe (59 Prozent).
„Unsere Umfrageergebnisse zeigen, dass es in den Schulen erhebliche Belastungsspitzen gibt, denen das Kultusministerium seit Jahren nicht begegnet. Für uns ergibt sich ein 5-Punkte-Plan zur Arbeitsentlastung, der schnellstmöglich umzusetzen ist:
- Die mittelfristige Senkung der Kurs- und Klassengrößen, das heißt in der Oberstufe Kurse mit maximal 20, in der Mittelstufe Klassen mit maximal 25 Schülerinnen und Schülern,
- die Reduktion des Verwaltungsaufwandes durch die Einstellung von Verwaltungsassistenten und zukünftig Nutzung von KI-Systemen,
- eine deutliche Entlastung von Lehrkräften der gymnasialen Oberstufe, namentlich das umgehende Ende der Minusstunden-Zählerei nach dem Abitur sowie mehr Entlastungsstunden für den Oberstufeneinsatz,
- ein Ausgleich der Mehrarbeit durch Anrechnungsstunden für Teilzeitlehrkräfte, deren Arbeitseinsätze durch z.B. Klassenfahrten oder Projektwochen zeitweise deutlich über ihre Teilzeitquote hinaus gehen,
- ausnahmslose Umsetzung der Erlasslage, dass Teilzeitlehrkräfte nur anteilig des Teilzeitquotienten in Konferenzen, bei Aufsichten und Abiturkorrekturen einzusetzen sind.
Wir brauchen, besonders vor dem Hintergrund der ansteigenden Schülerzahlen, jede Lehrkraft im System. Frau Hamburg muss die Belastungen deutlich reduzieren, um vorhandene Potenziale zu erhalten und neue zu heben. Wertschätzung und Attraktivitätssteigerung dürfen nicht bloße Floskeln bleiben, sondern müssen aktiv mit Leben gefüllt werden“, so Rabbow abschließend.
Anlage: Grafiken zur Umfrage „Arbeitsbelastung von Lehrkräften“
Hannover, 19. August 2025