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PHVN: Vollständiges Streichen schriftlicher Division ist der falsche Weg – Alternativen sind möglich

by hermelingmeier

KC überarbeiten: Division vierstelliger Dividenden mit einstelligen Divisoren ermöglichen

Die Diskussion um das Streichen der schriftlichen Division in den Curricula der Grundschule kommentiert der Vorsitzende des Philologenverbandes Niedersachsens, Dr. Christoph Rabbow, wie folgt:

„Vorweggesagt: Durch das Weglassen der schriftlichen Division in der Grundschule wird das Ende des Abendlandes nicht eingeläutet und auch die Mathematik wird dadurch nicht einfacher. Es gibt gute Gründe für den Verbleib des schriftlichen Dividierens in der Grundschule.

In der Tat ist die schriftliche Division von den vier Rechenverfahren das komplexeste Verfahren und es wird daher auch erst am Ende der Grundschulzeit in der vierten Klasse vermittelt. Die schriftliche Division wird schrittweise gelernt, gemäß der Devise: ,Erst teilen, dann multiplizieren und subtrahieren, schließlich die nächste Ziffer holen.‘ Die Division verlangt den Kindern eine Menge zuvor gelernter Kompetenzen ab. Wenn die Vernetzung dieser Kompetenzen nicht mehr sichtbar ist, dann ist es auch schwieriger zu erkennen, ob ein Kind komplexe Zusammenhänge erfassen kann oder eben nicht. Die schriftliche Division in der Grundschule erfüllt verschiedene Funktionen:

  1. Sauberes, formales Arbeiten und Anwenden von Kernkompetenzen des Rechnens aus den Klassen 1-4 als Grundlage der Division. Um erfolgreich schriftlich dividieren zu können, muss das Kopfrechnen sicher beherrscht werden, genauso wie die Multiplikation und die Subtraktion. Wie schon bei der schriftlichen Multiplikation werden Kompetenzen kombiniert. Ein sauberes Untereinanderschreiben der Zahlen ist bei der schriftlichen Division Grundvoraussetzung für ein richtiges Ergebnis. Dieses kann dann von den Schülerinnen und Schülern durch eine Probe überprüft werden. Was für eine Lernchance: Schüler korrigieren sich oder ihre Mitschüler selbst.

 

  1. Die Division führt zur Zahlbereichserweiterung. Im Gegensatz zu den bisher bekannten Rechenverfahren, kann man Ergebnisse erhalten, die nicht glatt aufgehen. Es kann sein, dass bei der Division ein Rest übrigbleibt, denn die Menge der Natürlichen Zahlen wird verlassen und man trifft das erste Mal auf Elemente einer neue Zahlenmenge. Diese Ersterfahrung in der Grundschule sollte man den Kindern nicht nehmen, da die Zahlbereichserweiterung an alltags- und lebensweltnahen Beispielen erfahrbar gemacht werden kann.

 

  1. Division als historisch entwickelte Kompetenz: Adam Ries hat die „Rechenkunst“ modernisiert, indem er das Rechnen für jedermann verständlich machte. Wo man vor 500 Jahren noch Rechenmeister brauchte, wurde dieses Wissen in Schulen geistiges Allgemeingut, ein echter Gamechanger! Natürlich stellt sich die Frage, ob dieses „alte“ Wissen in Zeiten digitaler Medien und dem Einsatz von Taschenrechner oder Laptop nicht überholt sei. Die Antwort lautet: Nein, wir brauchen im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz ein Mehr an Gerüstdidaktik, d.h. erst, wenn man eine Fertigkeit oder Kompetenz selbst sicher beherrscht, ist ein Hilfsmittel erlaubt, weil man im Fall des Falles auf das eigene Gedächtnis zurückgreifen kann. Davon hat sich die „moderne“ Mathematikdidaktik in den letzten 20 Jahren leider völlig verabschiedet. Das spiegelt sich auch bei Testergebnissen wie PISA, IQB und Co. wider. Die Ergebnisse sind vielleicht auch deshalb so, weil wir an Schule Mathematik seit Langem nicht mehr als Geisteswissenschaft verstehen und unterrichten. Mathematik wird durch das Streichen der schriftlichen Division in der Grundschule weder einfacher noch werden Testergebnisse besser.

Durch das Streichen der schriftlichen Division verschwindet mehr als eine Kulturtechnik aus dem Unterricht niedersächsischer Grundschulen und dies hat Folgen, insbesondere für den Wechsel an weiterführende Schulen als auch beim Wechsel in ein Bundesland. Das Beherrschen der schriftlichen Division ist ein Indiz für die Empfehlung der Grundschule an die weiterführende Schule. Schüler, die den Algorithmus der schriftlichen Division stabil beherrschen, haben in der Regel am Gymnasium kaum Probleme. Kindern, bei denen die Division allerdings nicht belastbar ist, fehlen arithmetische Kernkompetenzen, die am Gymnasium kaum noch aufgeholt werden können. Somit kann das Beherrschen der schriftlichen Division dem Schüler eine günstige Prognose für den Erfolg am Gymnasium ausstellen und das ganz ohne jegliche Eingangsprüfung. In Nordrhein-Westfalen oder Schleswig-Holstein bleibt die schriftliche Division auch nach Novellierung in deren Grundschul-Lehrplänen. Ein Kind aus Niedersachsen, das in ein Nachbarbundesland wechselt, hätte das Nachsehen. Wozu ein Kind diesem Stress aussetzen?

Das vollständige Streichen der schriftlichen Division aus dem Kerncurriculum im Fach Mathematik ist der falsche Weg. Eine Division von vierstelligen Dividenden mit einstelligen Divisoren wäre eine Alternative, weil dann über die jeweilige Veränderung der Stellenzahl bei Dividenden und Divisoren eine echte Binnendifferenzierung nach unten und oben möglich wäre.

Wer meint, Erwachsene greifen auch auf technische Hilfsmittel wie Handy oder Taschenrechner zurück, weil sie das Verfahren der schriftlichen Division selbst nicht sicher beherrschten, stellt sich ein Armutszeugnis aus. Wer als Lehrkraft das Einüben der schriftlichen Division als quälend und zeitaufwendig beschreibt, zeigt offensichtlich fehlende Vermittlungskompetenz. Verpflichtende Fachdidaktikseminare der Arithmetik für Grundschullehrkräfte wären notwendig, um basale Rechenfertigkeiten im Sinne einer Gerüstdidaktik lernzielorientiert und schülerangemessen zu vermitteln.

Frau Ministerin Hamburg, noch ist es Zeit, das KC zu überarbeiten. Die ersten Kinder, die die Streichung der schriftlichen Division im neuen Kerncurriculum beträfe, kommen erst im Schuljahr 2028/29 in die vierten Klassen.“

 

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