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Philologentag 2009

Rede des Niedersächsischen Ministerpräsidenten Christian Wulff anlässlich des Niedersächsischen Philologentags 2009:

Gute Bildung als Schlüsselqualifikation für die Zukunft

Zielsetzungen und Dimensionen gymnasialer Bildung
Das diesjährige Motto des Philologentages „Bildung: Mitte des Gymnasiums“ verlangt nach einer grundsätzlichen Positionsbestimmung und Vergewisserung darüber, wovon wir sprechen.
Von Bildung, nicht von Wissen, Qualifikation oder Kompetenz! Lassen Sie mich deshalb eingangs etwas prinzipiell werden, bevor ich zu aktuellen, auch tagespolitischen Dingen komme. Ich beziehe mich dabei auch auf das umfassende Antragspaket zum diesjährigen Philologentag, insbesondere in den Teilen zur Schul- und Bildungspolitik, in dem sich das Selbstverständnis widerspiegelt, das Sie mit der Schulform Gymnasium verknüpft wissen wollen.
1. Vertiefte Allgemeinbildung
Die Ziele gymnasialer Bildung werden mit drei zentralen Begriffen beschrieben:
o    Allgemeine Studierfähigkeit,
o    Wissenschaftspropädeutik,
o    Vertiefte Allgemeinbildung.
Bei der allgemeinen Studierfähigkeit geht es um Kompetenzen wie Denken in übergreifenden komplexen Strukturen, um eigenständiges Lernen, um Team- und Kommunikationsfähigkeit, verbunden mit Entscheidungsfähigkeit und Verantwortungsbereitschaft.
Bei der Wissenschaftspropädeutik geht es um die Einführung in Denk- und Arbeitsweisen der Wissenschaft, nicht nur des wissenschaftlichen Arbeitens selbst, auch um Denk- und Arbeitshaltungen wie z. B. die Fähigkeit zur Reflexion und das kritische Hinterfragen von Ergebnissen.
Mit dem Begriff der vertieften Allgemeinbildung wird jedoch der Kern des diesjährigen Themas des Philologentags benannt. Vertiefte Allgemeinbildung macht deutlich, dass sich gymnasiale Bildung nicht in der Vermittlung von Kenntnissen, Fähigkeiten und Fertigkeiten - also Kompetenzen - erschöpft. Vertiefte Allgemeinbildung zielt auf Inhalte und die Schülerinnen und Schüler.
o    Auf Inhalte, die ihren Ausgangspunkt in den Fächern mit ihren besonderen Inhalten und Methoden haben.
o    Auf die Schülerinnen und Schüler, die über die Aneignung dieser Inhalte und Methoden lernen, sich mit ihrer Umgebung auseinanderzusetzen und sie zu gestalten. Das stärkt die Persönlichkeitsbildung. Das beinhaltet auch fachübergreifenden oder projektbezogenen Unterricht, was aber nur auf der Basis grundlegender Kenntnisse Erfolg verspricht. Ohne eine solche Basis bleibt alles andere flüchtig und punktuell, in Teilen auch substanzlos und oberflächlich. Flüchtigkeit und Oberflächlichkeit aber verhindern wirkliche Auseinandersetzung mit der Sache und die sich daraus ergebende Persönlichkeitsentwicklung.
Die Mitte des Gymnasiums bilden deshalb der Unterricht und die Schülerinnen und Schüler. Alles, was veranlasst und auf den Weg gebracht wird, muss sich daran messen lassen, ob es dieser Mitte dient.
2. Bildungs- statt Wissensauftrag des Gymnasiums
Gymnasiale Bildung vollzieht sich in verschiedenen Bereichen, die mit Lerndimensionen umschrieben werden.
o    Sprache und Kommunikation mit den Aspekten Internationalisierung und Verständigung zwischen den Völkern, Kultur und Ästhetik mit den Aspekten Gestaltung und Wahrnehmung,
o    Kultur und Ästhetik mit den Aspekten Gestaltung und Wahrnehmung,
o    Individuum und Gesellschaft mit den Aspekten Lebensform und aktive Gestaltung gesellschaftlicher Wirklichkeit sowie
o    Mensch und Natur mit den Aspekten Erkenntnis und Verantwortung.
Mir liegt heute sehr daran, zu betonen, dass damit die charakterisierte Tiefe und Breite des Bildungsauftrags des Gymnasiums nicht aus dem Blick gerät. Bildung darf nicht instrumentalisiert werden. Es geht am Gymnasium nicht nur um Deutsch, Fremdsprachen, Mathematik und Naturwissenschaften, es geht auch um Kunst und Musik, um die gesellschaftswissenschaftliche Fächer, um Religion, Werte und Normen und Philosophie, um Sport. Der Auftrag des Gymnasiums zielt bewusst auf ein umfassendes Wissen sowie auf unterschiedliche Arten der Weltbegegnung, in denen Schülerinnen und Schüler lernen, die Welt selbst zu erobern und mit der Welt selbst umzugehen. Insoweit möchte ich vom Bildungsauftrag statt vom Wissensauftrag des Gymnasiums sprechen und Bildung nicht nur als „Kapital“ im volkswirtschaftlichen Sinne betrachten, sondern in erster Linie als Kapital der Schülerin oder des Schülers zur eigenen Lebensgestaltung. Schülerinnen und Schüler lernen zuallererst für sich selbst, nicht für die Schule.
3. Die Kanonfrage
Zur vertieften Allgemeinbildung am Gymnasium gehört aber auch die Einsicht, dass wir in einer pluralistischen Gesellschaft leben. Der Konsens über die Inhalte kann also vielfach nicht von oben verordnet werden, auch nicht durch die Wissenschaft. Ein tragfähiger Konsens kann nur im Rahmen eines rationalen Diskurses erzielt werden. Dieser Aufgabe müssen sich alle stellen, Politik, Verwaltung, Schule, Lehrkräfte. Damit werden die Voraussetzungen für die Schülerinnen und Schüler geschaffen, die für eine reflektierte und engagierte Teilhabe am gesellschaftlichen und öffentlichen Leben angesichts unterschiedlicher Traditionen unentbehrlich sind.
Die Folgen auf den Verzicht eines solchen Ringens sind fatal und lassen sich exemplarisch darstellen:
o    Vor einiger Zeit konnte man dem Leitartikel einer Tageszeitung entnehmen: Die meisten Germanistikstudentinnen und -studenten kennen den „Faust“ nicht mehr, weil man aus Scheu vor der Debatte um einen Kanon im Fach Deutsch lieber ganz auf die Festlegung von Inhalten verzichtet hatte.
o    Einzelne Publikationen zum Thema Bildung ignorieren immer noch die Mathematik, die Naturwissenschaften oder die Technik, wenn sie ihren Kanon darstellen. Es musste erst das Buch „Die andere Bildung“, die naturwissenschaftliche nämlich, auf den Markt kommen, um einer so verkürzten Bildungsauffassung die Augen zu öffnen.
o    Die Beschleunigung des Wissens und seine schnelle Verbreitung durch das Internet hat zu der Behauptung geführt, dass es nur noch eine „Halbwertzeit des Wissens“ gäbe. So richtig die Beobachtung von der Beschleunigung ist, so deutlich muss aber die Frage gestellt werden: Worin besteht eigentlich die „Halbwertzeit“ von Beethovens Neunter, der Werke der Impressionisten, der Zehn Gebote im Alten Testament, der Idee der Aufklärung oder der Grundwerte unserer Verfassung? Und was wird sich verändern in unserer politischen Kultur, wenn Kinder und Jugendliche nicht mehr mit den beispielhaft genannten Werken, Texten, Ideen oder Werten konfrontiert werden? Ganz abgesehen davon: Wie soll Bildungsgut auf Grund von Halbwertzeiten überholt sein, wenn es nie erworben wurde?
Gerade in einer Zeit der beschleunigten Zunahme von Wissen und Erkenntnis geht es für das Gymnasium umso dringlicher um die uralte Frage: Was gehört zur Bildung dazu? Worin besteht der gemeinsame Fundus an Vorstellungen und Werten, der unsere Gesellschaft trägt und zusammenhält? Die Frage muss allein schon deshalb gestellt werden, um hellhörig zu werden gegenüber dem Missbrauch von Sprache, der Propaganda, der hohlen Phrase oder der schlichten Denkfaulheit. Bei der Frage kann man sich streiten und irren. Ich habe jedoch kein Verständnis, wenn man sich aus Angst vor dem Streit ein Leben lang an die Mittelmäßigkeit hält!
Die Frage „was gehört zur Bildung?“ muss auch deshalb gestellt und beantwortet werden, um eine Überfrachtung der Lehrpläne zu verhindern. Ich halte diese Arbeit und diese Forderung für zentral, um Verlässlichkeit nicht nur bei Schulwechsel und im Hinblick auf das Zentralabitur für alle am Schulleben Beteiligten herzustellen.
4. Die Schülerinnen und Schüler
Bildung als Mitte des Gymnasiums stellt die Persönlichkeit der Schülerin und des Schülers in das Zentrum der Schule. Aber in der Weise, dass sich die Schülerpersönlichkeiten in der Auseinandersetzung mit fachbezogenen Inhalten und Methoden weiterentwickeln. Dabei erfährt das Gymnasium Unterstützung z. B.
•    in Deutsch durch Bibliotheksarbeit und Vorlesewettbewerbe,
•    in Fremdsprachen durch Schulpartnerschaften und internationalen Austausch,
•    in Geschichte und Politik durch Gedenkstättenarbeit oder Begegnungen mit den Parlamenten,
•    in Mathematik, Naturwissenschaften und Technik durch die ldeenExpo und Schülerlabore an den Hochschulen,
•    in Religion und Philosophie durch die bewusste Gestaltung von Feiertagen, Riten und interreligiösen Dialogen,
•    in Musik und Kunst durch Schülerwettbewerbe und das „Musikland Niedersachsen“ oder
•    in Sport durch Leistungsstützpunkte und „Jugend trainiert für Olympia“,
auf diese Weise wird Begeisterung für die Fachanliegen geweckt, Schülerexzellenz gefördert sowie die Auseinandersetzung mit dem Thema im Sinne von Wissenschaftspropädeutik angeregt.
Dann soll aber auch deutlich werden, in welchem Maße Bildung am Gymnasium heute zunehmend international und global ausgerichtet ist. Fremdsprachen, Bilingualität und Auslandsschulzeiten sind für heutige Schülerinnen und Schüler möglich. Auch der Computer und das Internet. Damit möchte ich nicht erreichen, dass sich die Schülerinnen und Schüler täglich über Stunden im Internet aufhalten. Ich will vielmehr darauf aufmerksam machen, dass Bildung am Gymnasium darauf eingehen muss, Internationalisierung und Globalisierung zwar als internationale und globale Kommunikation zu verstehen, aber auch als Begegnung mit Interkulturellem, als Auseinandersetzung mit dem Anderen, dem Fremden, ohne dabei die eigene Identität aufgeben zu müssen.
Schülerinnen und Schüler werden auf diese Weise auch an die Einsicht herangeführt, dass die typische Annahme zu relativieren ist, dass die persönliche Biographie ausschließlich dem eigenen Willen entspringt. Sie werden so aufmerksam für die Wichtigkeit des Aufbaus gemeinschaftlicher Beziehungen zwischen den Menschen.
„Keine Erfahrung kann geteilt werden, wo nur um das Goldene Kalb der eigenen Person gekämpft wird“, sagte der amerikanische Philosoph John Rawls. Die Suche nach dem richtigen Weg spielt sich ganz wesentlich zwischen den Menschen ab, auf der sozialen Ebene. Schülerinnen und Schüler am Gymnasium so zu bilden, dass sie ihre Zeitgenossenschaft in der Zivilgesellschaft profiliert wahrnehmen und Mitverantwortung für sich und das Wohlergehen aller übernehmen, und dieses nicht nur lokal und national, sondern auch international, dies ist der Anspruch. Wenn sie dabei in Abwandlung eines berühmten Wortes das „Salz der Erde“ und nicht „weiße Salbe“ sind, so wäre das nur zu begrüßen.
„Was auch immer die Menschen bildet“, hat der Pädagoge Hartmut von Hentig einmal gesagt, „ich werde es daran messen, ob dies eintritt: Abscheu und Abwehr an Unmenschlichkeit; die Wahrnehmung; die Fähigkeit und den Willen, sich zu verständigen; ein Bewusstsein von der Geschichtlichkeit der eigenen Existenz; Wachheit für letzte Fragen; und – ein doppeltes Kriterium – die Bereitschaft zur Selbstverantwortung und Verantwortung für die res publica“.
Herausforderungen für das Gymnasium
Niedersachsen steht in den nächsten Jahren vor großen gesellschaftlichen Herausforderungen. Dazu gehört die Bewältigung der Wirtschafts- und Finanzkrise, die den politischen Handlungs- und Gestaltungsspielraum auf allen Ebenen deutlich einschränkt. Die Landesregierung wird aber alle ihr zur Verfügung stehenden Gestaltungsspielräume nutzen, um die Folgen dieser Krise nicht auf den Bildungsbereich durchschlagen zu lassen. Deshalb wird z.B. der Kultusetat im Jahre 2010 nicht gekürzt, sondern – sofern das Parlament dem zustimmt – von rd. 4,45 auf 4,71 Milliarden Euro sogar deutlich erhöht.
Darüber hinaus hat die Landesregierung in dieser Phase wirtschaftlicher Turbulenzen mit dem Konjunkturpaket II ein deutliches Signal für die Bildung gesetzt: Mehr als 65 Prozent der rund 1,4 Mrd. Euro werden wir zur Verbesserung der Lernbedingungen in Schulen und Universitäten investieren, das Land bringt davon mehr als 300 Mio. Euro auf.
Niedersachsen investiert in Bildung und hat somit die Zukunft unserer Kinder im Blick. Die Arbeitsbedingungen für Schülerinnen und Schüler sowie für Lehrkräfte sollen hierdurch deutlich verbessert werden. Damit leisten wir einen wichtigen Beitrag zur Qualitätssicherung und Qualitätsentwicklung der Schulen. Neben den pauschalen Zuweisungen an die Kommunen sind allein 200 Mio. Euro für Schulinfrastrukturmaßnahmen vorgesehen.
Davon werden wir 139 Mio. Euro für den Bau und die Ausstattung von Schulen zur Verfügung stellen, 40 Mio. Euro für die Medienausstattung und 21 Mio. Euro für Innovations- und Zukunftszentren an berufsbildenden Schulen.
In diesem Zusammenhang begrüße ich, dass die neue Bundesregierung die Ausgaben des Bundes für Bildung und Forschung bis 2013 erhöhen will. Auf dem Bildungsgipfel vor einem Jahr in Dresden sind Bund und Länder übereingekommen, die Ausgaben für Bildung und Forschung noch einmal deutlich zu erhöhen.
1. Bildungszeiten und Ganztagsschule
Niedersachsens Bevölkerung wird sich in den nächsten Jahrzehnten spürbar verändern. Einige wenige Zahlen verdeutlichen die Dramatik dieses Wandels: Ausgehend vom Jahr 2005 werden wir nach den statistischen Prognosen bis zum Jahre 2050 bei Kindern und Jugendlichen einen Rückgang um 39 % zu erwarten haben, bei Erwachsenen im Erwerbsalter einen Rückgang um 28 %. Dem steht bei Senioren über 65 ein Zuwachs um 35 % gegenüber und bei Hochbetagten über 80 sogar ein Zuwachs um 156 %. Die Gesamtbevölkerung Niedersachsens wird in diesem Zeitraum von 7,98 Mio. auf 6,55 Mio. tendenziell zurückgehen, eine Bevölkerungszahl, die Niedersachsen schon einmal hatte, aber mit einem völlig anderen Altersaufbau.
Der demographische Wandel führt zu einem deutlichen Rückgang der Schülerzahlen - auch an den Gymnasien. Schon heute ist bekannt, dass der Schülerrückgang bis zum Jahre 2020 im Landesdurchschnitt rund 20 %‚ in einzelnen Regionen sogar über 40 % betragen wird. Die Schulträger werden mehr Eigenverantwortung bei der Schullandschaftsgestaltung vor Ort einfordern. Die Gymnasien müssen sich in bestimmten Regionen dieses Landes rechtzeitig auf diese Entwicklung einstellen, z. B. durch enge Kooperation und gegenseitige Unterstützung.
Der demographische Wandel führt aber auch dazu, dass die ausbildende Wirtschaft einen immer größer werdenden Fachkräftebedarf anmeldet, der in den nächsten zehn Jahren zu Verwerfungen führen kann. So begrüßenswert das Ergebnis auf dem aktuellen Ausbildungsmarkt trotz der Wirtschaftskrise auch ist, bei der Berufsorientierung sollte rechtzeitig über die bestehenden Möglichkeiten und Berufe informiert werden. Dabei darf man sich nicht nur auf bekannte und stark nachgefragte Berufe konzentrieren, sondern auch einmal über technische und naturwissenschaftliche Studiengänge und Berufe als Alternative zum Wunsch- oder Traumberuf nachdenken. Gerade im technischen und naturwissenschaftlichen Bereich gibt es schon heute gute Zukunftsperspektiven.
Darüber hinaus müssen wir uns angesichts des Rückgangs der Schülerzahlen und der erwerbstätigen Bevölkerung auf Familienkonstellationen einstellen, die eher von der Erwerbstätigkeit beider Elternteile ausgehen. Dies setzt Schule als Ganztagsschule voraus.
Eine gute und verlässliche pädagogische Unterrichtung und Begleitung von Kindern in den Kindertagesstätten und von Schülerinnen und Schülern in den Schulen möglichst über den ganzen Tag wird der Regelfall werden. Hier liegt eine der wesentlichen Ursachen für die aktive Bildungspolitik der Landesregierung im Bereich der frühkindlichen Bildung sowie im Ausbau der Schulen als Ganztagsschulen. Mit dieser Entwicklung korrespondieren Bildungszeiten, die früher beginnen, und Schulzeiten, die früher enden. Ganztagsschule, frühere Einschulung und
frühere Schulabschlüsse, insoweit auch Orientierung an internationalen Standards sind die wesentlichen Stichworte, die mit dem demographischen Wandel verknüpft sind und Auswirkungen auf das Gymnasium haben werden. Wir sollten dies auch als große Chance begreifen! Und wir sollten die Ursachen dieser Entscheidungen nicht vergessen.
2. Abitur nach zwölf Schuljahren
Lassen Sie mich in diesem Zusammenhang etwas zu der politischen Auseinandersetzung um das Abitur nach zwölf Schuljahren sagen. Die Einführung des Abiturs nach zwölf Schuljahren nunmehr auch an den Gesamtschulen haben der Landesregierung und den Mehrheitsfraktionen im Niedersächsischen Landtag Kritik eingebracht. Ich will hierauf sagen: Wenn die Gesamtschulen behaupten, sie würden dieselben Leistungen erbringen wie das gegliederte Bildungswesen, dann sollen sie dieses auch in derselben Schulzeit nachweisen!
Wer die Schulzeit nur unter der Perspektive schulpolitischer Abgrenzungen und Vorteile diskutiert und nicht begreift, dass Schulzeiten über die Chancen von Schülerinnen und Schülern in einer zunehmend international und global gestalteten Studien- und Ausbildungswelt entscheiden, der betreibt Scheuklappen- und Klientelpolitik, jedenfalls keine vorausschauende Bildungspolitik im Interesse der Schülerinnen und Schüler!
Wir stehen für ein Bildungssystem, das es Eltern ermöglicht, an die Bildungskarrieren ihrer Kinder zu denken. Die Mehrheit der Eltern in unserem Lande – nach wie vor nahezu 80 % – melden ihre Kinder an einer Hauptschule, Realschule oder an einem Gymnasium an. Auch sie sehen Förderung und Forderung nicht als Gegensatz und auch Ihnen sind Begriffe wie Leistung und Elite keine Fremdwörter. Auf die Idee, um der sozialen Gerechtigkeit willen dürfe es bei der Bildung keine Differenz geben, kann ernsthaft niemand kommen. Bildung formt den Menschen, das ist ihre Funktion.
Aber dabei muss berücksichtigt werden, dass jeder Mensch ein Individuum ist. Homogenität im Anfang ja, jede und jeder erhält gleiche Ausgangs- und Zielchancen und die entsprechende Förderung; aber Leistungsvoraussetzungen und Leistungsvermögen müssen sorgsam beobachtet werden, sonst produzieren wir Über- und Unterforderung oder wertlose Abschlusszertifikate. Wir stehen zum Gymnasium und lehnen alle Versuche, ein einheitliches Bildungssystem als Regelschulsystem zu etablieren, entschieden ab.
Im internationalen Vergleich ist die Allgemeine Hochschulreife oder ein vergleichbarer Schulabschluss nach zwölf Schuljahren Standard. Daran haben wir uns zu orientieren. Deshalb beginnt das Gymnasium in Klasse fünf. Mit freiem Elternwillen. Die Schulen müssen nachhaltig beraten und das Kindeswohl in den Mittelpunkt stellen. Ich halte Initiativen und Entscheidungen für verfehlt, die Gymnasien und Gesamtschulen selber entscheiden zu lassen, ob sie das Abitur nach zwölf oder dreizehn Schuljahren vergeben wollen. Ich frage mich: Wie sollen da noch Schulwechsel und Mobilität gewährleistet bleiben, wenn in Hannover andere Schulzeiten als in Cloppenburg, gelten oder in Lüchow-Dannenberg andere als im Emsland, und wer soll mit welcher Legitimation eigentlich in der Schule über die Schulzeitdauer wie häufig und für wie lange entscheiden?
Genauso als falsch empfinde ich das rückwärtsgerichtete Anliegen des Volksbegehrens für vermeintlich gute Schulen in Niedersachsen, das eine Schulzeitverlängerung anstrebt. Für die Landesregierung stelle ich eindeutig klar: Am achtjährigen Gymnasium mit dem Abitur nach zwölf Schuljahren wird nicht gerüttelt! Das Abitur nach zwölf Schuljahren gilt auch für die Gesamtschulen!
Aktuelle Entscheidungen für das Gymnasium
Lassen Sie mich noch einige Punkte ansprechen, die für das Gymnasium von aktueller Bedeutung sind.
1. Unterrichtsversorgung/Klassenbildung
Es ist mir ein persönliches Anliegen, Ihnen heute Dank zu sagen: Für ihren Beitrag zur Sicherung der Unterrichtsversorgung im laufenden Schuljahr. Die Landesregierung hatte mit ihrem Konzept „Bildungsland Niedersachsen - Schulen in Niedersachsen qualitativ weiterentwickeln“ Maßnahmen beschlossen, die auch die Lehrerinnen und Lehrer belasten.
Zum neuen Schuljahr sind nicht nur rund 2.400 freie und neue Stellen besetzt worden, davon gut 1.000 Stellen an den Gymnasien (836 Lehrkräfte und 164 Quereinsteiger), sondern auch über 2.100 Vollzeitlehrereinheiten aus dem System erwirtschaftet worden. Dies ist nur gelungen, weil wir auf Ihre Unterstützung bauen konnten. Viele von Ihnen verzichten auf Teilzeitbeschäftigung im gewohnten Umfang, nicht allen konnte die Teilzeitbeschäftigung im gewünschten Maß gewährt werden. Auch für die Unterstützung des Philologenverbandes sowie der Schulleiterinnen und Schulleiter, der Schulbehörde und der Personalvertretungen danke ich an dieser Stelle, weil sie konstruktive Wege auch in strittigen Arbeitszeitfällen gefunden haben.
Angesichts des Lehrerarbeitsmarkts bleibt die Unterrichtsversorgung an den Gymnasien, die im Schuljahr 2009/2010 voraussichtlich sogar etwas über 99,5 % liegen wird, angespannt, insbesondere in den Mangelfächern. Mindestens bis zum Doppelabitur 2011 wird die Landesregierung deshalb weiterhin darauf angewiesen sein, dass auch die bereits in den Schulen Beschäftigten mithelfen, einen zusätzlichen Beitrag zur Sicherstellung der Unterrichtsversorgung in den nächsten Jahren zu erbringen.
Ich bin über die Unterstützung im Interesse unserer Schülerinnen und Schüler und unseres Landes dankbar. Die Landesregierung vergisst diese Unterstützung nicht, wenn sich Handlungsspielräume durch den Wegfall des doppelten Abiturjahrganges zum Schuljahresbeginn 2011/2012 ergeben. So beabsichtige ich, dass Frau Ministerin Elisabeth Heister-Neumann im Januar, also in wenigen Wochen, bei der Kabinettsklausur vom Kabinett mit Billigung von den Regierungsfraktionen CDU/FDP das Mandat erhält, in konkrete Verhandlungen mit Ihnen mit dem Ziel von Vereinbarungen einzutreten,
o    Zur Wiederbesetzung frei werdender Lehrerstellen und frei werdender Lehrerressourcen auf Grund des allgemeinen Rückgangs der Schülerzahlen zur Verbesserung der Rahmenbedingungen von Schule (seit 2007 sind so 1.200 zusätzliche Stellen bereits im System gehalten worden),
o    die geltende Lehrerarbeitszeit an den Gymnasien zu belassen: wir wollen weiterhin keine Arbeitszeiterhöhung in einer Zeit so hoher Arbeitsbelastungen in den Gymnasien;
o    nach dem Doppelabitur 2011 wird die Landesregierung schrittweise die Klassenfrequenzen an den Gymnasien senken. Auch dabei bietet die Landesregierung an, mit dem Philologenverband gemeinsam darüber nachzudenken, welche Schritte in welcher Zeit gegangen werden sollen. Dies ist umso wichtiger, da im Gymnasium die durchschnittlichen Klassenfrequenzen in den Anfangsjahren deutlich höher liegen als in den letzten beiden Schuljahren des Sekundarbereichs 1;
o    die Arbeitszeitverordnung für Schulleiterinnen und Schulleiter wird im Jahre 2011 angepackt, um eine Entlastung angesichts der gestiegenen Anforderungen an heutiges Schulleitungshandeln zu schaffen. Maßstab wird die Leitungszeit, Bemessungsgrundlage werden die Lehrersollstunden der Schule sein;
o    die auf zwei Schuljahre befristete Kürzung der Anrechnungsstunden bleibt befristet, die alten Faktoren für die Berechnung der Anrechnungsstunden werden wieder eingesetzt;
o    die Fachberaterinnen und Fachberater werden ab dem 01.08.2011 angesichts ihrer verantwortungsvollen Aufgabe insbesondere für das Zentralabitur mit acht statt bisher sieben Anrechnungsstunden entlastet.
Insbesondere die Reduzierung der Klassenstärken sowie die Entlastung von unnötiger Verwaltungsarbeit in den Schulen selbst sind prioritär im Rahmen der zur Verfügung stehenden Möglichkeiten miteinander zu verabreden. Frau Kultusministerin Heister-Neumann hat deshalb unter dem Stichwort „Bildungsperspektiven 2011“ das Gespräch hierzu mit ihnen aufgenommen.
Verlässlichkeit gehört zu unseren Kennzeichen, deshalb können wir im ersten Halbjahr 2010 zu Vereinbarungen kommen für Zeit ab Frühjahr 201 1/2012. Wir haben heute über 70.000 Lehrerstellen, weit über 3.000 mehr als 2003, und das bei gesunkenen und weiter sinkenden Schülerzahlen.
Angesichts der angespannten Situation auf dem Lehrerarbeitsmarkt verlangen wir Ihnen als Lehrerinnen und Lehrern viel ab, und wir sind dankbar für ihren täglichen Einsatz und ihr Engagement. Im Gegenzug dürfen sie aber darauf vertrauen, dass die Eckpunkte für die gymnasiale Arbeitszeit unangetastet und die Rahmenbedingungen für Ihre Arbeit schrittweise verbessert werden.
2. Doppelabitur 2011 und Allgemeine Hochschulreife
Das Zentralabitur 2009 ist für die Gymnasien mit einem guten Ergebnis abgeschlossen worden. Das ganze Augenmerk wird nun auf das Doppelabitur 2011 zu richten sein. Dann wird der Beweis erbracht, dass die Umstellung auf das Abitur nach zwölf Schuljahren inhaltlich zu meistern ist und qualitativ zu vergleichbaren Ergebnissen führt wie das Abitur nach dreizehn Schuljahren.
Ihnen allen obliegt die Aufgabe, die Schülerinnen und Schüler der beiden Schuljahrgänge auf die Abiturprüfung vorzubereiten, Ich bin sicher, dass Sie das Doppelabitur 2011 genauso souverän vorbereiten und durchführen werden wie die Gymnasien in den Ländern, die die Umstellung von dreizehn auf zwölf Schuljahre bereits erreicht haben.
Die Schülerinnen und Schüler des Doppelabiturs 2011 können sich darauf verlassen, dass an den niedersächsischen Hochschulen für sie genügend Studienplätze zur Verfügung stehen, von 2005 an gerechnet bis zum Jahre 2010 zusätzlich rd. 11.200 neue Plätze und bis zum Jahre 2012 bei weiterem Bedarf bis zu rd. 20.800. Die Wirtschaft betrachtet den doppelten Abiturientenjahrgang ohnehin als Chance zur Deckung des Fachkräftebedarfs.
Diese Landesregierung wird an der Allgemeinen Hochschulreife als Schulabschluss festhalten, mit dem die Berechtigung zur Aufnahme eines jeden Studiengangs an einer Fachhochschule oder an einer Universität verbunden ist. Wir sind überzeugt davon, dass das Abitur aussagekräftig und nach wie vor die beste Basis für den Studienerfolg ist. Das Abitur muss seinen Orientierungswert und sein klares Markenzeichen behalten. Zertifizierung, Prüfung, Leistungsgarantie, solch einen Zusammenhang, der in der Gesellschaft mit dem Abitur verbunden wird, entwertet man nicht einfach für Illusionen, die mit den Stichworten Quote oder Gleichheit beschrieben werden. Durchlässigkeit ist ebenso erklärtes Ziel meiner Regierung wie Hochschulzugangsberechtigungen auf dem Wege beruflicher Qualifikationen. In unserem differenzierten Bildungswesen gibt keine Sackgassen und es darf diese auch nicht geben.
3. Lehrerausbildung
Wir sind uns einig über die Notwendigkeit einer schulformbezogenen und fachbezogenen Lehrerausbildung. Die Ausweitung auf zurzeit rd. 2.300 Ausbildungsplätze an den Studienseminaren für das Lehramt an Gymnasien einschließlich der Einrichtung von Außenstellen trägt dazu bei, den Lehrernachwuchs in Niedersachsen zu sichern. Für den Vorbereitungsdienst werden die Einstellungstermine ab 2010 mit den Schulhalbjahren harmonisiert. Dadurch stehen Absolventinnen und Absolventen des Vorbereitungsdienstes zeitnah für eine Einstellung in den Schuldienst zu Beginn der Schulhalbjahre zur Verfügung.
Unnötige Vakanzen in den Schulen werden so vermieden. Die Höhe des eigenverantwortlichen Unterrichts wird für alle Lehrämter beibehalten.
Die Stellung der Ausbildungsschule wird gestützt, da künftig die Schulleiterin oder der Schulleiter im Rahmen der Ausbildung für die Referendarinnen und Referendare eine Note erteilt. Grundsätzlich gilt für das gymnasiale Studienseminar: Die fachbezogene, schulformbezogene Ausbildung bleibt der Maßstab, an dem sich die gymnasiale Ausbildung auszurichten hat.
Die hohen Kapazitäten in den Studienseminaren führen aber auch zu hohen Belastungen auf der Ausbilderseite. Deshalb sollen, sofern der Landtag entsprechend beschließt, ab dem kommenden Jahr 2010, also in wenigen Wochen, die Mitwirkenden in den Fachseminaren neben den Anrechnungsstunden auch eine Stellenzulage von 150,- € pro Monat erhalten.
4. Landesschulbehörde und Schulinspektion
Der Kultusetat wird – bei entsprechender Verabschiedung im Landtag – in 2010 um rund 265 Mio. Euro erhöht und wird dann 4,717 Mrd. Euro umfassen. Davon werden lediglich rund 1,2 % für die Schulverwaltung ausgegeben. Eine effektive und effiziente Schulverwaltung ergänzt die gute Schule und unterstützt Sie bei der Erfüllung des Bildungsauftrags.
Bei jeder Verwaltungsaufgabe muss kritisch hinterfragt werden, wo sie sinnvoller und
sachgerechter erledigt werden kann, in der Landesschulbehörde oder an der einzelnen Schule!
Eigenverantwortung von Schule und regelmäßige Schulinspektion bedingen einander. Wenn ich die Kritik des Philologenverbandes an der Schulinspektion richtig verstehe, so geht es Ihnen nicht um die Beendigung der Inspektion, sondern um die inhaltliche Ausprägung. Nach Ihrer Auffassung sollte die Inspektion auch Aussagen zur Erfüllung des jeweiligen schulformbezogenen Bildungsauftrages treffen. In dieser Hinsicht wird das Kultusministerium die Qualitätskriterien der Schulinspektion weiterentwickeln.
Schlussbemerkung
Die Gymnasien haben in den nächsten Jahren die notwendige Zeit, sich auf der Basis klarer struktureller und organisatorischer Vorgaben auf den Unterricht und die anvertrauten Schülerinnen und Schüler zu konzentrieren. Grundlegende strukturelle und organisatorische Veränderung wird es in dieser Legislaturperiode für die Gymnasien nicht mehr geben!
Denn meine Regierung nimmt die Erkenntnisse aus der Unterrichtsforschung ernst, wonach der Ertrag von Unterricht in einem gemessenen Zeitrahmen ganz überwiegend von den Lernbedingungen in derselben Lerngruppe und nur in geringem Maße von den strukturellen Bedingungen der unterschiedlichen Schulformen abhängt. Dazu brauchen wir Lehrkräfte, die über ein breites fachliches und fachdidaktisches Repertoire verfügen und anspruchsvollen Unterricht erteilen. Dies hilft Schülerinnen und Schülern deutlich bessere Lernfortschritte erzielen zu können. Die vielfach beobachtete Gegenüberstellung von fachlichem Können auf der einen und pädagogischem Können auf der anderen Seite ist schlicht falsch, denn guter Unterricht und gute Schulorganisation bilden und erziehen zugleich. Den Schülerinnen und Schülern inhaltlich etwas zuzutrauen und dann auch abzuverlangen, dieses ist wichtiger als jede Strukturdebatte.
Wenn die Gymnasien weiterhin Bildung in die Mitte ihres Handelns stellen, dann haben sie es nicht nötig, sich in Abgrenzungsdebatten zu erschöpfen. Dann werden sie
o    offen sein für die Weiterentwicklung der inhaltlichen Konzeption, damit die so manches Mal am Gymnasium vorhandene enge Auslegung gymnasialen Denkens überschritten wird. Denn was wäre das für ein Denken, das nur dem Wirklichkeitssinn und nicht auch dem Möglichkeitssinn folgt?
o    Dann werden Sie in ihren Ausführungen menschlich bleiben, also das Verhältnis von Sache und Mensch, von Objekt und Subjekt so gestalten, dass deutlich bleibt: Lernen und Wissen brauchen ein menschliches Maß, um die Welt nicht nur verstehen, sondern auch sinnstiftend und lebensdienlich gestalten zu können, nicht nur für sich selbst, sondern zusammen mit Anderen.
o    Sie werden selbstbewusst und bescheiden auch im Erfolg bleiben, also sich durchaus freuen über die Anerkennung der eigenen Leistung in Gestalt eines hohen Zuspruchs, aber auch bescheiden bleiben im Wissen darum, dass sich der Zuspruch nur der mühseligen Fähigkeit schrittweiser Verbesserungen verdankt.

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